Gedanken und Essays

Die Texte entstehen in der Regel mit dem Füllfederhalter auf echtem Papier in meiner Kladde. Sie handeln von Themen, die mich interessieren, die mich bewegen oder von denen ich meine, dass ihnen womöglich mehr Aufmerksamkeit zukommen sollte. Ich freue mich, sollten sie auch euch zum Weiterdenken oder Diskutieren anregen.

Die Bauanleitung zum Gedanken 

und ihr stilles Verschwinden

Aus Worten bauen wir unsere Welt. Doch der Prozess dahinter ist sensibler, als die meisten ahnen.
Denn während ein Gedanke, etwa bei einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht, jedes Mal die Chance erhält, sich zu verformen, sich weiterzuentwickeln und durch den Austausch Gestalt anzunehmen – sei es durch eine Nachfrage oder durch eine direkte Kritik – ist dies bereits im Falle einer öffentlichen Rede oder Ansprache weitaus weniger der Fall. Die Distanz zum gesprochenen Wort gibt ihm Raum nachzuklingen und dient dem Publikum als Resonanzkörper, wodurch es sich verfestigen kann. Die physische Präsenz des Sprechers wirkt dabei noch als Anker für seine Gedanken und als Schutz vor deren Verfremdung.

Schrift hingegen trennt das Gesagte, das Erdachte vollends von seinem Sprecher. Sie prägt es auf einen Datenträger und konserviert es somit – vermeintlich. Denn unser Glaube daran, dass diese Art der Informationsweitergabe stabiler sei als alle vorangegangenen Formen, ist in erster Linie auf unsere schriftliche Tradition zurückzuführen. Bei genauerer Betrachtung ergeben sich jedoch auch für das Phänomen des geschriebenen Wortes einige Probleme – nicht bloß durch die räumliche und zeitliche Trennung von Autor und Text, sondern im selben Maße auch durch die Trennung des Gedankens vom Kontext. Ein Umstand, der im öffentlichen Diskurs, trotz seiner Brisanz, bisher keine ausreichende Aufmerksamkeit erfährt.

Auf den Punkt gebracht, ist Text für uns nämlich eigentlich nichts weiter als eine Bauanleitung zum Gedanken. Wir nehmen das geschriebene Wort auf und rekonstruieren daraus, auf Basis unseres Wissens, unserer Erfahrungen, aber auch unserer politischen und moralischen Prägung, die mögliche Intention des Verfassers. Jeder aber, der schon einmal das Vergnügen hatte, ein LEGO-Set zusammenzubauen, weiß, wie leicht es mitunter sein kann, einen Stein an die falsche Stelle zu setzen. Geht nun die originale Bauanleitung verloren und unser Modell ist ihre einzige verbliebene Interpretation, können wir davon ausgehen, dass auch der nächste Bausatz genauso oder womöglich sogar noch anders aufgebaut wird. Ohne den Kontext oder eine Korrektur des ursprünglichen Erfinders wird also der Fehler – oder diese andere Lesart des Originals – einfach übertragen und weitergeführt. Das wesentliche Problem dabei ist, dass diese neue Lesart – sehen wir sie doch im wahrsten Sinne des Wortes in Stein gemeißelt oder gebaut – dieselbe Legitimität besitzt wie das ursprüngliche Werk. Was wir vor uns sehen, egal ob in LEGO, in Stein, auf Papyrus oder auf Papier, halten wir zunächst einmal für echt.

Solange aber das Original oder die vorherigen Texte noch erhalten sind, ist es zumindest dem interessierten Rezipienten noch möglich, den Werdegang eines Gedankens nachzuvollziehen. Diese Option allerdings schwindet im Zeitalter der Massenmedien und Digitalisierung zunehmend – oder wird teilweise sogar unmöglich. Noch besteht für die meisten Menschen die Möglichkeit, zu recherchieren, sich in einem gewissen Maße objektiv zu informieren und sich auch entsprechende Quelltexte zu erschließen – die Frage ist nur, wie lange noch. Die Zahl nicht digitaler Informationsquellen nimmt ab und mit dem Verschwinden öffentlicher Bibliotheken, auch der breite Zugang zu ihnen. Zwei Zeichen dafür, dass die physische und gedankliche Entfernung zu Texten, zu Büchern, zu einem breiten Angebot von Quellen zunimmt, während das Bewusstsein für die Existenz vielfältiger Quellen verloren geht.

Man könnte meinen, wir kehrten – angesichts von Podcast, Videoscrolling und Sprachnachrichten – zu einer oralen Tradition zurück. Das aber wäre ein Missverständnis. Was dabei nämlich entsteht, ist etwas strukturell Neues: eine sekundäre Oralität. Wir verlassen uns zunehmend auf das gesprochene Wort, auf das gehörte, auf das bewegte Bild – aber anders als in echten oralen Kulturen können wir mit diesem Wort nicht interagieren, es nicht befragen und auch nicht korrigieren. Es erreicht uns ausschließlich gefiltert, einseitig und ohne Rückkopplung. Wissen ist dann nichts mehr, das in nachprüfbarer und objektiv kritisierbarer Form vorliegt, sondern nur noch in einseitig kommunizierter Sprache – einer Sprache, die sich im medialen Raum sogar ausdrücklich dagegen wehrt, mit schriftlichem Faktenwissen überhaupt konfrontiert zu werden.

Den Höhepunkt erreicht diese Entwicklung mit dem Aufkommen generativer KI. Denn nicht nur wird Wissen nun von seinem Autor, seinem ursprünglichen Medium und seiner gesamten Überlieferungsgeschichte getrennt – in dem Moment, in dem es im Speicher eines Sprachmodells aufgeht, ist es bar jeglichen Kontexts. Es existiert fortan nur noch als losgelöstes Wissensfragment in einem dekontextualisierten Raum, um bei Bedarf von einer Maschine, die vorgibt zu denken, entsprechend einer konkreten Suchanfrage neu vernetzt zu werden. Wie genau diese Maschine das macht, bleibt dem Nutzer dabei verborgen – wird zugleich aber durch ein Unternehmen bestimmt, das jene Maschine, im Rahmen einer konkreten Absicht der Gewinnmaximierung, kontrolliert.

Dies ist ein Prozess, der bereits heute spürbare Folgen mit sich bringt. Seine konsequente Fortführung jedoch wirft einen weit größeren Schatten voraus. Schatten einer Gesellschaft, die nicht länger nur polarisiert ist, sondern die in zusehends kleiner werdende Filterblasen zersplittert. Durch eine Entfremdung des Einzelnen von ursprünglichem Primärwissen, der kategorischen Aufbereitung von Informationen durch anonyme Filter – Instanzen, die wir zum Teil bereits jetzt weder sehen noch nachvollziehen können – sowie der maximalen Individualisierung des Outputs, des kuratierten Wissens, das letztlich bei uns ankommt. Wovon wir sprechen, ist eine Welt, in der jeder Einzelne aufgrund der Funktionsweise dieser Systeme vollautomatisch in eine ganz private, ganz eigene Wirklichkeit hineinmanövriert werden kann. Eine Wirklichkeit frei von Kontext, ohne jeden Verweis auf die Entstehungs- oder Rezeptionsgeschichte – und ohne die Möglichkeit, ein ganzheitliches Bild zu sehen, sofern man nicht explizit danach fragt oder schon ganz genau weiß, was man eigentlich sucht. Übrig bleibt eine Welt, in der jede Information vogelfrei ist und frei nach Belieben der jeweiligen Moralvorstellung oder Ideologie untergeordnet werden kann.

»Alles ist wahr und nichts ist wahr!«

Symptomatisch für diesen Kontextverlust ist bereits heute das Phänomen der Cancel-Culture. Sie reagiert auf dekontextualisierte Fragmente – auf Aussagen, Texte oder Haltungen, die aus ihrem historischen und gedanklichen Zusammenhang gerissen wurden – mit dem Versuch der vollständigen Tilgung. Damit allerdings reproduziert sie exakt das Problem, das zu bekämpfen sie vorgibt: Ein getilgter Gedanke hinterlässt ein noch fragmentierteres, noch vielfältiger auslegbares Überbleibsel als zuvor. Gerade deshalb ist in Zeiten der Orientierungslosigkeit und Unsicherheit das Prinzip Cancel-Culture nicht nur falsch, sondern schädlich. Und zwar nicht, weil sie womöglich unangenehme Themen aufmacht, weil sie Strukturen aufbrechen und den Finger in die Wunde legen will – sondern weil sie mit dem, was sie tut, allenfalls den Schorf abkratzt und Salz darauf streut.

Was wir daher wirklich brauchen, ist ein anderer, nicht weniger schmerzhafter Ansatz: eine radikale Kontext-Culture – die Fähigkeit und die Bereitschaft, Gedanken konsequent in ihren empirischen Rahmen, ihren historischen Moment und das Bedeutungsgeflecht ihrer Entstehung einzubetten, zu verstehen, wie es zu ihnen kam, und erst dann wirklich zu versuchen, ihre Bedeutung für uns zu entschlüsseln.

Nicht Tilgung schafft Platz für Neues, sondern Einbettung.
Nicht Vergessen, sondern Verstehen.

Kunst und KI

Weshalb uns der Algorithmus nicht ersetzen kann

Kreativität ist etwas Einzigartiges, etwas kaum Greifbares, meist nicht Quantifizierbares, aber vor allem etwas, das zutiefst menschlich und vor allem nur dem Menschen Vorenthaltenes ist. 
Das wenigstens glaubten wir lange Zeit – besser noch – die längste Zeit. Wir glaubten es bis zu jenem Moment, als scheinbar urplötzlich die ersten KI-Modelle in die öffentliche Wahrnehmung drängten und diesen lang gehegten Grundsatz, quasi über Nacht, hinwegfegten. 
Eine Mehrzahl der Menschen hatte diese Entwicklung wohl nicht kommen sehen – sie nicht für möglich gehalten oder zumindest, nicht ganz so schnell mit ihr gerechnet. Sie waren überrascht, als sie unvermittelt mit ansehen mussten, wie Schaltkreise, trainierte Algorithmen, seelenlose Computer, Systeme, die man zuvor ausgiebig mit dem gestohlenen Wissen der gesamten Menschheit gefüttert hatte, dazu imstande waren, vermeintlich aus dem Nichts, Dinge zu erschaffen. Dinge, die schon bald ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr in der Lage sein würde, von echter Kreativität, echter Kunst, echtem Ausdruck menschlicher Schaffenskraft unterscheiden zu können. 
Zugegeben, die ersten Modelle, wie Dall-E, kamen noch als unschuldige kleine Spielereien daher. Ihre Bilder wirkten steril, rudimentär oder bestanden lediglich aus einem zusammengewürfelten Haufen Chaos, der allenfalls vage an das erinnerte, was man sich von seiner Eingabe versprochen hatte. Doch schon mit dem Nachfolger, Dall-E zwei, war es ohne Weiteres möglich fotorealistische Aufnahmen, Ölgemälde oder sogar Bilder von Monstern aus Strickgarn berechnen zu lassen. Und ich muss gestehen, dass auch ich überwältigt war, als ich 2022 zum ersten Mal mit diesem neuen Programm herumgespielt habe und es meine ersten Prompts lebendig werden ließ.
Die Möglichkeit aber, dass wegen dieser Erfindung bereits in kürzester Zeit Musiker, Künstler, Autoren oder Grafiker in Massen um ihre Jobs sollten bangen müssen, wollte mir damals noch nicht in den Sinn kommen.
Das Einzige, woran ich denken musste, war, wie ich nun all die Ideen und Bilder, die mir permanent in meinem Kopf umherschwirren von jetzt an nicht länger bloß aufschreiben, sondern endlich auch unmittelbar visualisieren kann – und das, obwohl ich ein schrecklicher Zeichner bin. 
Allein die Vorstellung Visionen, die ich selbst niemals in der Lage gewesen wäre, mit Bleistift zu Papier zu bringen, mithilfe nur weniger Worte in Bilder verwandeln zu können, kam mir beinahe surreal vor. Daher muss ich wohl auch nicht weiter ausführen, dass mein erster Eindruck ein positiver war und ich vor allen Dingen die Möglichkeiten dieses neuen Werkzeugs sah. 
Und trotz jeder Kritik, die anfangs insbesondere von Illustratoren artikuliert wurde – Kreative, die zu Recht um Aufträge und Arbeitsplätze fürchteten – habe ich mich schnell mit diesen Programmen angefreundet und sie nicht nur als private Spielerei verwendet, sondern quasi umgehend auch in mein Geschäft integriert. 
Als Besitzer eine Cocktailbar war ich somit fortan dazu in der Lage mein außergewöhnliches Konzept einer Getränkekarte nicht nur durch meine humorösen Texte und Namensgebungen, sondern auch durch unterhaltsame Bilder zu erweitern und somit meiner Vision noch mehr Ausdruck zu verleihen. »Sakrileg!«, schreien nun die Illustratoren, Mediengestalter und Webdesigner, »Diese Aufgabe wäre vorher von Menschen ausgeführt worden.«
»Nein!«, sage ich als Barbesitzer, der auf seine Kosten achten muss und daher seine Karte zuvor schlichtweg ohne Bilder produziert hat - nicht weil er Illustratoren nicht ihre Aufträge oder einen gerechten Lohn gönnt, wohl aber, weil ein entsprechender Lohn mit dem Budget, das für die Erstellung einer Cocktailkarte zur Verfügung steht, einfach nicht darzustellen ist.
Ob ich es schöner fände meine Bilder von Menschen, statt von Maschinen erstellt zu bekommen? Sicher! Preislich ist der Luxus eines Grafikdesigners oder Künstlers für diese Aufgabe auch nur von hochpreisigen Bars oder mithilfe großzügiger Sponsorings zu realisieren. Dass inzwischen aber selbstverständlich auch diejenigen auf generative KI zurückgreifen, die sich menschliche Arbeit eigentlich noch würden leisten können, liegt an der Art und Weise, wie unser Wirtschaftsmodell funktioniert und sollte daher an anderer Stelle geklärt werden.
Stattdessen möchte ich festhalten, dass KI, so wie auch das Internet und ein paar Jährchen zuvor die Dampfmaschine, zunächst einmal nur ein Werkzeug ist. Eines, das uns das Leben leichter machen soll und kann, wenn wir es beherrschen und richtig einsetzen - uns aber genauso gut die Hölle heißmachen (oder den Planeten), unsere Gesellschaften zunehmend polarisieren sowie radikalisieren oder uns zu hirnlosen Zombies machen. Und bevor sich nun jemand voreilig die Haare rauft, seine Beherrschung verliert, mit dem Finger auf mich zeigt und brüllt: 
»Siehst du? Da hast du’s!«, 
würde ich trotzdem noch um einen Moment der Ruhe und Contenance bitten, damit ich meine Gedanken noch zu Ende ausführen kann. Danke.
Denn natürlich bin ich mir um die Gefahren dieser neuen Technologie absolut im Klaren. Ebenso wie um den Raubbau, den Megakonzerne wie OpenAI, Meta und Google am Wissensschatz der Menschheit betreiben - wie sie uns im wahrsten Sinne des Wortes, allesamt bestehlen! Das ist furchtbar! Und zwar mindestens genauso furchtbar wie die Öl- und Autoindustrie, die unseren Planeten zerstören, konservative, bis rechte Politiker, welche die Errungenschaften des modernen Sozial-Staats zerstören oder Reality-TV, das der breiten Masse ihren Verstand sowie die Vorstellung normaler menschlicher Beziehungen zerstört.
Der Unterschied ist bloß darin, dass wir uns an die Gefahr von AI noch nicht gewöhnt haben. Und das ist gut so! Es heißt aber weder, dass wir diese neue Technologie grundsätzlich verteufeln oder noch schlimmer, als den ultimativen Heilsbringer sakralisieren sollten.
Beim Internet, Social-Media und der Frage um die Sicherheit unserer Daten, haben wir es verschlafen uns rechtzeitig damit auseinanderzusetzen. Im Fall der KI ist dieser Moment aber noch nicht ganz vorbei, nur sind die Fragen, die wir uns in Bezug auf denkende Maschinen stellen sollten ungleich größer - zumindest, wenn wir nicht in ein paar Jahren einen Dschihad á la Butler führen wollen. (Eingeweihte wissen, was ich meine)
Doch bevor ich mich in diesen großen, ganz grundsätzlichen Fragen noch weiter ziellos verlaufe, kehre ich lieber wieder zurück zum eigentlichen Kern meines Textes und Frage, ob es wirklich realistisch ist, dass uns KI demnächst nicht nur all unsere Arbeitsplätze wegnimmt, sondern in letzter Konsequenz womöglich auch das noch, was uns Menschen doch im Kern von diesen seelenlosen Blechkisten unterscheidet - nämlich die Kunst und unsere Kreativität.
Und meine klare und selbstbewusste Antwort darauf ist:
Nein!
»Nein? Aber warum?«
Darum!
»Und was ist mit Liebe? Ist das nicht das Menschlichste?«
Mach dich nicht lächerlich. Die Liebe hat sie uns schon genommen, schaut man sich nur mal die steigende Anzahl von KI-Lebenspartnern insbesondere im asiatischen Raum an. 
»Oh«
Jep...
Doch obwohl ich die Frage nach dem Warum eigentlich ziemlich unsinnig finde, rührt sie doch aus einer rein wirtschaftlichen Betrachtung des künstlerischen Schaffens und verkennt, dass es eigentlich eine intrinsisch motivierte Tätigkeit sein sollte, liegt das große Problem doch in Anbetracht unserer gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftsform, dem Kapitalismus (für diejenigen, die es zwischenzeitlich vergessen hatten), klar auf der Hand. Aus der Sicht eines Künstlers nämlich, der aus dem Antrieb heraus sich auszudrücken und etwas zu erschaffen arbeitet, für den ist eigentlich niemals die KI das Problem, sondern lediglich die Tatsache, sich auf einem kapitalistischen Markt gegen diese KI durchsetzen zu müssen. Die KI selbst kann für ihn nämlich sogar äußerst nützlich sein - als intellektueller Sparringpartner, interaktive Datenbank, oder virtuelle Muse.
Doch in einer Welt, in der einzig und allein Absatzzahlen relevant sind und die Massenkompatibilität eines Werkes wichtiger ist, als dessen künstlerische Qualität, sollten wir den Fokus darauf lenken, welche Art von Kunst besonders anfällig für die Übernahme durch KI ist und welche spezifischen Merkmale menschlichen Künstlern dabei helfen könnten, ihr eigenes Werk klar abzugrenzen. Und zwar nicht mit dem zukünftigen Äquivalent des Bio-Labels - 100% menschgemacht - sondern durch Spezifika, die eine KI allenfalls schwer kopieren, aber niemals glaubhaft wird adaptieren können.
Der stärkste Grund dafür nämlich, weshalb es uns im Augenblick so vorkommt, als hätte KI ein leichtes Spiel des Menschen als Künstler abzulösen, liegt daran, dass wir es über viele Jahrzehnte bereitwillig zugelassen haben, dass eine Kulturindustrie uns mit den immer gleichen Mustern konditioniert und durch billige Effekte (tatsächlich gar nicht so billig, wenn wir von monetären Größen sprechen) bei der Stange gehalten hat. Und das war weniger Kalkül als vielmehr marktwirtschaftliche Konsequenz. 
Verkauft wird, was ankommt. Und wer genau weiß, was ankommt, der verkauft. Also hat man über Jahrzehnte sowohl im Film als auch in der Musik und selbst in der Literatur darauf gesetzt, Muster zu erkennen und diese zu reproduzieren. Dass diese sich selbst perpetuierende Schleife, die auch schon Adorno beschrieben und kritisiert hat, jedoch nicht bloß dazu führt, unser aller Verständnis von Kunst stark einzuschränken, sondern zugleich auch der generativen KI Tür und Tor öffnen würde und jene Unternehmen, welche die längste Zeit von ihr profitierten vor ein Problem stellen würde, das konnte nicht einmal der große Dialektiker vorhersehen.
Wenn unsere heutigen KI-Modelle nämlich eines bis zur Perfektion beherrschen, dann ist es Mustererkennung sowie Musterreproduktion. Und wenn bereits 1500 produzierte Marvel-Filme ein und demselben Schema folgen und noch dazu beinahe gleich Aussehen und identisch klingen, dann wird es der KI auch ohne großen Aufwand möglich sein, den 1501. Marvel-Film zu produzieren, ohne dass es auch nur einer der Zuschauer bemerken wird. (Sorry, no offense, bitte lyncht mich nicht, #marvelistcool).
Worauf ich also hinaus will, ist, dass generische Filme, generische Musik und auch generische Kunst, ebenso wie die immer gleichen Werbebroschüren, Werbebanner und Werbeclips, ganz zwangsläufig irgendwann nur noch von KI hergestellt werden. Zumindest aus betriebswirtschaftlicher Sicht führt da kein Weg dran vorbei. Und wenigstens wenn es um Werbung geht, wird da auch kein Hinweis mit - diese Fernsehwerbung wurde für Sie zu 100% von Menschenhand erstellt - helfen und definitiv auch nicht zu einem Mehr an Verkäufen führen - sondern in unserer toxischen Internetkultur allenfalls zu Morddrohungen gegen die Werbeagentur.
»Also Marc, was nun?«, fragt ihr. »Dann sag uns doch jetzt bitte, wie genau wir die Kunst retten und KI zurückdrängen. Welche sind sie, die neuen zehn Gebote der menschlichen Kunstproduktion mit deren Hilfe es uns wieder gelingen wird, ruhig zu schlafen und nicht um unser aller Jobs zu fürchten?«
Tja, so schön es auch wäre und so gerne ich es täte, aber das auf ein paar klare Regeln herunterzubrechen ist selbst mir völlig unmöglich. (Augenzwinkern)
Zum einen, weil wie schon erwähnt, unsere westliche Kultur bereits extrem konditioniert ist auf das, womit uns der Markt schon die ganze Zeit tot schmeißt.  
Zweitens, weil Kunst selbstverständlich etwas völlig Subjektives ist und es ja offensichtlich Menschen gibt, die den schlechtesten, fürchterlichsten, brechreiz-provozierendsten Schlager von Herzen lieben.
Und drittens, weil die Bedeutung und Wahrnehmung von Kunst nicht bloß vom Erschaffer bestimmt wird, nur durch das Werk entsteht, geschweige denn nur im Kopf des Rezipienten (das ist Bildungsdeutsch für den Betrachter eines Bildes, den Leser eines Buches oder für den Typen der mit der Dose Bier auf dem Bauch zu Hause auf der Couch sitzt und Fernsehen glotzt), sondern aus dem permanenten Wechselspiel dieser drei sowie dem geistigen Dialog, welcher dabei entsteht.
Um es deutlicher zu machen: Während uns die üblichen 0815 Hollywood-Filme wie zum Beispiel 
(Anmerkung: An dieser Stelle verzichte ich bewusst darauf, erneut einen Marvel-Film zu nennen, und hätte stattdessen gerne einen DC-Film eingebracht. Zu meinem Bedauern haben uns DC-Filme aber in den letzten Jahren tatsächlich gezeigt, dass man zumindest Teilweise aus dem Schema-F-Prinzip ausbrechen kann, weswegen ich ein anderes Beispiel nehmen werde, mit dem wir uns höchstwahrscheinlich alle sehr gut arrangieren können, nämlich:) 
»The Fast and the millionth bad Movie«, die ausschließlich darauf abzielen, uns sensorisch zu unterhalten und meist sogar zu überfrachten, lässt uns ein guter Film über das Gesehene hinaus weiterdenken, lässt uns die Intention des Regisseurs hinterfragen oder lädt zumindest dazu ein, unsere subjektiven Eindrücke intensiv mit Freunden zu besprechen.
Dasselbe, wenn auch in anderer Form, versteht sich, gilt genauso für Musik, Bilder und Literatur. Und selbst in diesen Bereichen hat die Kulturindustrie inzwischen Systeme geschaffen, die als Gatekeeper dafür sorgen, dass Werke, die nicht einem ganz bestimmten Muster folgen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, durch das Raster fallen.
Was also, fragt sich der geneigte Leser nun, könnte zumindest im Ansatz dabei helfen, solche Systeme aufzubrechen, den Kulturmarkt wieder zu diversifizieren und auch unsere verengte Vorstellung von dem, was ästhetisch, was spannend oder was grundsätzlich beachtenswert ist, wieder zu öffnen?
Mit Sicherheit einiges, aber lasst mich versuchen es ein wenig einzudampfen, ohne dabei komplett ins Pathetische zu verfallen.
Zum einen: Wertschätzung!
»Was? Für den komischen Typen, der in seinem stillen Kämmerlein sitzt, sich vor echter, harter Arbeit scheut und allenfalls in Alkoholismus und seinen Selbstzweifeln versinkt?«
Ganz genau! Wertschätzung für die absolute Hingabe, mit der bekloppte Menschen zum Teil ihr Leben lang an wahnwitzigen Ideen arbeiten - und zwar nicht, weil sie daran glauben mit diesen Ideen zwangsläufig reich und berühmt zu werden, sondern weil ihrem Schaffen ein innerer Drang, eine Notwendigkeit zugrunde liegt. Sie müssen schaffen! Sie haben gar keine andere Wahl, als zu produzieren. Sowohl für sich, aber vor allem auch, um ihre Ideen mit anderen zu teilen, sie zu verbreiten, sie wachsen zu sehen, in fremden Köpfen.
»Klingt für mich eher nach einer Zwangsstörung. Warum sie also nicht besser davon befreien?«
Ganz einfach deshalb, weil wir, wo wir schon dabei sind, ihre Hingabe anzuerkennen, nicht mehr weit entfernt sind von ehrlichem Interesse für diese sonderbaren Gestalten. Echte Kunst definiert sich nicht über ihren Zweck (nämlich möglichst viel Reibach zu machen), sondern über die Motivation, die hinter ihr steckt. Echte Kunst ist kein Produkt, sie ist das Nebenprodukt - und zwar von Kompensation. Das, wenngleich nicht ausschließlich, macht sie so interessant. Selbstverständlich sollte man ein Buch auch dann genießen können, wenn man sich nicht zuvor Kafkas 1000-seitige Biografie reingezogen hat. 
Doch selbst wenn man es nicht macht, bleibt sie zentraler Bestandteil des Erlebnisses - auch dann steckt sie implizit in jeder Zeile. Und egal ob wir nun ein besonderes Interesse daran haben zu erfahren, weshalb jemand auf Teufel komm raus - manchmal sogar unter Vernachlässigung des eigenen physio- und psychologischen Wohls - den Drang verspürt immer und immer weiter zu schreiben, oder halt nicht - wird es das Werk dennoch zu mehr machen als zu einer logischen Aneinanderreihung verschiedener Wörter. Wenn man es aber doch tut - wenn man seine Biografie dennoch liest, dann wird man, angesichts ihrer Länge, definitiv nicht nur selbst leiden, sondern mit Sicherheit auch die Geschichten, die man liebt, ebenso wie den Kopf, dem sie entsprungen sind, besser verstehen. Ein Verständnis, das unsere subjektive Welt fast zwangsläufig erweitern wird, und zwar ganz gleich, ob wir uns die Frage, stellen, weshalb ein Schauspieler seine Rolle nicht nur spielt, sondern sie lebt - ob wir bemerken, dass hinter dem zittern in der Stimme eines Sängers nicht bloß Autotune, sondern echte Emotionen stecken oder, ob wir für uns erkennen, dass es zwar angenehm ist, sich von einer Geschichte »nur« unterhalten zu lassen, es vielleicht aber das größere Abenteuer darstellt, vollends in die Gedankenwelt eines anderen Menschen einzutauchen und das zu sehen, was er gesehen hat, als er sich seine fantastischen Welten erdachte. Und damit, würde ich sagen, erklärt sich die eingangs gestellte Frage fast wie von selbst.
Die Rezeption von Kunst besteht nicht im bloßen Konsum.
Wahre Kunst entsteht im Austausch und existiert in einem endlosen Netz an kultureller, emotionaler, objektiver, aber auch subjektiver Bedeutung.
Kunst generiert einen zwischenmenschlichen Mehrwert, den eine Maschine schon rein vom Prinzip her nicht zu generieren im Stande ist.
Und genau aus diesem Grund müssen wir uns immer wieder vor Augen führen, dass hinter dem Output einer Maschine nichts weiter als simple Wahrscheinlichkeitsrechnung steckt - hinter dem Output eines Menschen jedoch, die kumulierten, einzigartigen, hochkomplexen Zufälle eines ganzen Lebens.

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